Fachkräftemangel

Passt auf, dass Alleinerziehende in der Pflege bleiben!

Der Schichtdienst treibt viele Alleinerziehende aus der Pflege. Das muss sich ändern. Erste Projekte sind am Start

Inhaltsverzeichnis

Alleinerziehend und ein Beruf in der Pflege – geht das zusammen? Laut ARD-„Tatort“ scheint diese Kombi zumindest problematisch zu sein. Als die beiden „gesellschaftlichen Themen, die vor Überlastung ächzen“, kürzlich im Mittelpunkt eines „Tatorts“ („Anne und der Tod“) standen, ächzte ein TV-Kritiker der Tageszeitung „taz“: „Wie unheilvoll verkettet die Lebensbedingungen sein können, wenn eine Frau, alleinerziehend, beim mobilen Pflegedienst arbeitet (…).“

Warum manche Alleinerziehende gut klar kommt

Aber ist das wirklich so schlimm? Der Faktencheck zeigt: Es gibt sehr wohl Alleinerziehende, die Pflege und Familie gut unter einen Hut bekommen. Christin Rahmich ist so ein positives Beispiel. Die dreifache alleinerziehende Mutter arbeitet beim Pflegedienst am Treptower Park GmbH in Berlin und schildert in einem kurzen Werbefilm für ihren Arbeitgeber auf Youtube, dass und warum sie sich bei ihm „als alleinerziehende Mutti sehr gut aufgehoben fühlt“. Nach einer längeren Kinderphase habe sie sich beruflich umorientiert, einen Pflegebasiskurs gemacht und in der Pflege ihren „Traumberuf“ gefunden. Ihre täglichen Pflegedienst-Touren empfinde sie als „sehr entspannt“, ihre Kolleginnen seien „alle Muttis mit viel Verständnis“ und es gebe keinen Zeitdruck. „Ich bin hier wirklich angekommen“, schwärmt Rahmich.

6 Erfolgsfaktoren für Alleinerziehende

Das klingt nach einem himmelblauen Werbehimmel. Aber Christin Rahmich tritt überzeugend auf. Fragt man ihren Chef Christoph Kölsch, PDL und Geschäftsführer des mit 140 Mitarbeitern (davon 15 alleinerziehenden) schon recht großen Berliner Pflegedienstes, ob man Rahmichs Erfahrungen verallgemeinern könne und sein Betrieb womöglich besonders alleinerziehenden-freundlich strukturiert sei, so antwortet er mit einem klaren „Jein“.

Kölsch unterscheidet vielmehr zwei Gruppen von Alleinerziehenden: Die erste Gruppe schaffe es „sehr gut“, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen, bei der zweiten klappe es „oft gar nicht“.

Gruppe 1: „Alleinerziehende, die es sehr gut schaffen“

Bei Alleinerziehenden, die gut zurecht kommen, findet Kölsch sechs bestimmende Merkmale:

  1. Diese Alleinerziehenden sind meistens Fachkräfte mit gutem sozialem Hintergrund.

  2. Sie mögen ihre Arbeit generell gern.

  3. Sie sind hochmotiviert und wollen nicht vom Amt abhängig sein. Sie wollen ihren Kindern aus eigener Kraft etwas bieten.

  4. Die Kinder sind meist schon etwas älter, mindestens in der Schule. Ideal ist, wenn ältere Geschwister ab und an auf jüngere aufpassen können.

  5. Die Alleinerziehenden sind top-organisiert.

  6. Sie verfügen über ein sicheres familiäres Netzwerk wie Großeltern, Geschwister, Onkel, Tanten und/oder haben einen Lebenspartner, mit dem sie zwar nicht verheiratet sind, die/der aber auch für die Kinderbetreuung bereitsteht.

Gruppe 2: „Alleinerziehende, bei deinen es oft nicht klappt“

  1. Die Alleinerziehenden sind Hilfskräfte mit schwierigem sozialem Hintergrund.

  2. Sie machen den Job nur notgedrungen, weil das Amt sie schickt.

  3. Ihre Kinder sind noch sehr klein und gesundheitlich instabil, Stichwort: Kinderkrankheiten. Die Mütter müssen dann viel zuhause bleiben, weil die Kinder Vorrang haben.

  4. Die Alleinerziehenden profitieren nicht von einem familiären Netzwerk oder Lebenspartner: Sie sind wirklich ganz auf sich allein gestellt. Oft ist das, nach Beobachtung von Kölsch, bei Migrantinnen der Fall.

Flexible Arbeitszeiten? Frühdienst ab 8 Uhr? Das ist schwierig ...

„Kernproblem“ auf Seiten der Arbeitgeber seien laut Kölsch die um sechs Uhr startenden Frühdienste. „Da gibt es permanent Interessenkonflikte.“ Zwar versuche man es manchmal mit flexiblen Arbeitszeiten, sogenannten „Mutti-Schichten“, die erst dann starten, wenn die Kinder in Kita oder Schule seien. „Aber das kollidiert meist mit den Interessen der alten Menschen, die feste Vorstellungen davon haben, wann sie versorgt sein wollen.“ Bei Personen der zweiten Gruppe würde man die Zusammenarbeit deshalb oft bereits nach vier bis fünf Monaten wieder beenden müssen, „wenn zu viele Einschränkungen“ vorliegen.

Das familiäre Netzwerk ist das Wichtigste für Alleinerziehende

„Bei Frau Rahmich treffen viele positive Aspekte zusammen: Sie ist hochmotiviert, top-organisiert, ihre Kinder sind schon etwas älter und sie hat ein festes Netzwerk im Hintergrund.“ Dabei sei sie keine examinierte Altenpflegerin, sondern habe „nur“ einen Pflegebasiskurs gemacht, berichtet Kölsch. Das familiäre Netzwerk schätzt der Geschäftsführer deshalb mittlerweile als wichtigstes Kriterium ein für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Alleinerziehenden.

Was tun , wenn Oma und Opa nicht in der Nähe leben?

Was aber tun, wenn das Netzwerk fehlt? In Essen ist am 1. Oktober 2015 das Projekt „Sonne, Mond & Sterne – ergänzende Kinderbetreuung“ gestartet. Alleinerziehende Elternteile, die laut Sozialgesetzbuch einen entsprechenden Anspruch nachweisen können, erhalten häusliche Unterstützung: Sogenannte „Kinderfeen“ oder „Kobolde“ kommen in die eigenen vier Wände und schließen so Betreuungslücken am frühen Morgen, Nachmittag oder Abend, wenn Kitas und Schulen geschlossen sind. Die Ruhrmetropole hat sich 2018 nach erfolgreicher Evaluation dazu entschlossen, das Projekt dauerhaft fortzuführen.

Projekt „Sonne, Mond & Sterne“ begehrt bei Alleinerziehenden

Federführend für „Sonne, Mond & Sterne“ ist der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) NRW. Gegenwärtig profitieren laut Verbandssprecherin Ute Zimmermann 20 Familien von dem Projekt. „Auf einen freien Platz bekommen wir 17 Anfragen.“ Die Idee dahinter: Die Kinder sollen möglichst viel Zeit stressfrei und entspannt in der gewohnten familiären Umgebung verbringen und nicht schon morgens in aller Herrgottsfrühe, wenn Mutter oder Vater zur Frühschicht aufbrechen, aus dem Schlaf gerissen und zu einer weiteren Betreuungsstelle gefahren werden, bevor es dann in Kita oder Schule geht.

Rentner und Studenten springen für 11 Euro die Stunde ein

Diese für Alleinerziehende oft unüberbrückbaren „Lücken“ in der Betreuungszeit sollen die „Kinderfeen“ und „Kobolde“ ausfüllen. Sie werden von einer sozialpädagogischen Fachkraft des VAMV geschult und permanent begleitet. Allerdings sei es schon recht schwierig, gibt Zimmermann zu, die passenden ehrenamtlichen Kräfte zu finden. In der Regel handle es sich um Rentner und Studenten. Sie bekommen eine Aufwandsentschädigung von elf Euro pro Stunde und sind über den Verein versichert.

Nun sind die Arbeitgeber gefragt

Die Gesamtkosten dieser ergänzenden Kinderbetreuung belaufen sich in Essen auf rund 150.000 Euro. Für 20 Familien mit 27 Kindern muss die Kommune rund 5.500 Euro pro Kind und Jahr investieren. Damit seien die Personal- und Betreuungskosten abgedeckt, heißt es seitens des Vereins. Ein positiver Nebeneffekt: Das Projekt habe sich als „Türöffner“ erwiesen. Die „Feen“ und „Kobolde“ könnten nebenbei auch innerfamiliäre Probleme in den Blick nehmen und gegebenenfalls fundierte pädagogische Beratung vermitteln. Gerade Alleinerziehende ohne familiäres Netzwerk dürften davon profitieren.

Angebote müssen maßgeschneidert sein

Man sei nun auch dabei, Gespräche mit Arbeitgebern zu führen, berichtet Ute Zimmermann. „Wie können diese einspringen und sich an der Kinderbetreuung beteiligen?“ Nicht nur die Worte des Berliner Pflegedienst-Chefs Kölsch, sondern auch die Wartelisten des Essener Projekts machen deutlich, dass der Bedarf nach „Kinderfeen“ und „Kobolden“ hoch ist. Gerade bei Alleinerziehenden in der Pflege.

Autorin: Birgitta vom Lehn

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