Fachkräftemangel

„Sagt ausländischen Pflegekräften die Wahrheit!“

Immer mehr Pflegekräfte kommen aus Ländern wie Polen und Vietnam – und immer mehr verlassen Deutschland nach kurzer Zeit wieder. Experten erstaunt das nicht.

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Noch vor zwei Jahren, erzählt Grahame Lucas, seien im Altersheim seiner Mutter in England alle Stellen vergeben gewesen. Neuerdings jedoch – Stichwort Brexit – sieht der britische Journalist am Schwarzen Brett regelmäßig Ausschreibungen hängen. Denn: Ausländische Pflegekräfte verlassen das Land. Viele stammen aus Osteuropa – Polen, Kroatien, Bulgarien, Rumänien Weißrussland etwa. Sie hätten bisher ihr übriges Geld in die Heimat geschickt: an die Eltern, an die Kinder, als Unterstützung für den Lebensunterhalt. Doch der Wertverlust des britischen Pfunds von mehr als zehn Prozent im Zuge des Brexits kommt für sie einem Gehaltsverlust in dieser Höhe gleich. „Einige sind jetzt nach Deutschland gegangen“, sagte Lucas kürzlich in einer Talkrunde im TV-Sender Phoenix: „Weil sie dort neue Stellen bekommen haben.“

500 Prozent mehr ausländische Pflegekräfte

Und tatsächlich: Krankenhäuser, Pflegeheime und ambulante Dienste in Deutschland stellen immer mehr Mitarbeiter ein, die ihren Berufsabschluss im Ausland erworben haben. „Die Zahl der Fachkräfte in diesem Bereich, die jährlich einwandern, ist innerhalb von fünf Jahren um das Fünffache angestiegen“, heißt es in einer Studie der Universität in Frankfurt/Main im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Ausgearbeitet wurde sie vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) und dem Institut für Sozialforschung (IfS) der Goethe-Universität.

In Frankfurt a. M. kommt fast jede 2. Pflegekraft aus dem Ausland

„Waren es 2012 noch 1.500 Pflegekräfte mit einem ausländischen Abschluss, wurden 2017 schon 8.800 solcher Mitarbeiter gezählt.“ Vor allem in Großstädten schreitet diese Entwicklung der Studie rasch voran. Allein in den Frankfurter Krankenhäusern, so schätzen Experten, stammt inzwischen fast jede zweite neue Pflegefachkraft aus dem Ausland.

Verdi: Deutschland kein Paradies für ausländische Pflegekräfte

„Ohne die Fachkräfte aus dem Ausland wäre der Pflegenotstand in Deutschland noch deutlicher spürbar“, so das Resümee der Forscher. Doch das Anwerben fertig ausgebildeter Pflegefachkräfte aus dem Ausland könne nur eine von vielen Maßnahmen sein, um den Fachkräftebedarf zu decken, heißt es in einem Statement der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Deutschland ist alles andere als ein Pflege-Paradies für ausländische Fachkräfte“, sagt Sylvia Bühler, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand. „Das liegt vor allem an der schlechten Personalausstattung in den Kliniken und in der Altenpflege und an den unterschiedlichen Vorstellungen von Pflegetätigkeiten."

Rekrutierung: Der erste Versuch muss sitzen

Und fast noch wichtiger: Bei der Integration in den Betrieb fehlt oft Weitsicht und Fingerspitzengefühl. Der Kölner Pflegeexperte Lars Holldorf: „Viele Arbeitgeber haben mit ausländischen Pflegekräften noch gar keine Erfahrung gemacht oder im Prinzip blauäugig und unvorbereitet den ersten ausländischen Mitarbeiter eingestellt“, berichtet Holldorf. „Dann ist die Gefahr relativ groß, dass er innerhalb der ersten sechs Monate scheitert. Ich nenne das immer ‚die erste Kohorte‘. Wenn dieser erste Versuch mit einer oder mehreren ausländischen Kräften schiefgeht, dann hinterlässt das viel zerschlagenes Porzellan. Dann haben Sie künftig, wenn Sie weitere Kräfte aus dem Ausland holen, erhebliche Akzeptanzschwierigkeiten bei der heimischen Mannschaft.“

Wenn die Unternehmen nicht im Aktionismus-Stil rekrutierten, sondern professionell und systematisch vorbereitet, ließe sich die Quote der Rückkehrer, der Fehlschläge, dagegen spürbar reduzieren. Holldorf richtete deshalb die Online-Akademie Klinik-Kenner.de ein. Mit deren Hilfe, so verspricht der Berater, ließen sich Pflegekräfte weltweit auf eine Tätigkeit in Deutschland vorbereiten.

Selbst Welt und Chrismon greifen die Fehlschläge bei der Rekrutierung auf

Über das holzschnittartige Vorgehen der Krankenhäuser und Heime bei der Gewinnung ausländischer Pflegekräfte berichten inzwischen sogar schon Publikumsmedien wie die Welt („Wir rufen Pfleger, es kommen Menschen“, 6. März 2019) und das Magazin Chrismon („Und was heißt Pak Choi auf Sächsisch?“, März 2018). Ein Kurswechsel scheint dringend.

Arbeitgeber haben eine Informationspflicht!

Holldorf rät Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, die Karten gegenüber ihren künftigen Mitarbeitern offen auf den Tisch zu legen. Die Arbeitgeber stünden gegenüber Aspiranten aus dem Ausland in einer regelrechten Informationspflicht. „Die Erfahrung zeigt, dass es besser ist, den Bewerbern im Ausland von vornherein die volle Wahrheit darüber zu sagen, wie das System in Deutschland funktioniert“, sagt der Pflegefachmann. Geschehe diese erst beim Eintritt der Mitarbeiter im Haus, komme es zu bösen Überraschungen. Holldorf: „Das hat mit Erwartungsmanagement zu tun.“

Vermittlungsprämien bis 18.000 Euro

Bei manchen Unternehmen beobachtet Holldorf, der selbst Betriebswirt ist, einen verengten ökonomisch-organisatorischen Fokus. Krankenhäuser etwa zahlten beträchtliche Summen an Vermittlungsagenturen im In- oder Ausland. Insider berichten derzeit von Vermittlungsprämien zwischen 7.000 bis 18.000 Euro. „Das ist ja als Geschäft okay“, sagt Holldorf.

Nach der Rekrutierung fängt die Arbeit erst an

Das Problem sei nur: „Arbeitgeber und auch Personalabteilungen haben oft die irrtümliche Erwartung: Jetzt habe ich viel Geld bezahlt, mit dem Zeitpunkt des Arbeitsbeginns ist die Rekrutierung abgeschlossen. Das ist aber der größte Trugschluss. Denn eigentlich geht es dann erst richtig los. Wer das ignoriert, riskiert, dass solche Projekte komplett scheitern.“

Halten Sie ausländische Pflegekräfte mindestens 2 Jahre!

Am Schluss argumentiert Holldorf seinerseits noch einmal ökonomisch – und rechnet vor, dass sich eine engagierte Integrationsstrategie, bei der man nicht am falschen Ende spart, unterm Strich buchstäblich bezahlt machen kann. „Normalerweise dauert es mindestens zwei Jahre, bis der Aufwand für ein solches Vermittlungsprojekt zumindest auf eine schwarze Null kommt“, sagt Holldorf. „Wenn man die Leute aber so lange nicht zu halten vermag und sie kürzer als zwei Jahre bleiben, dann zahlt man massiv drauf.“

Autor: Adalbert Zehnder

Illustration: Dorothee Hellinger

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